Freitag, November 16"Satyam Vada, Dharmam Chara" - Taittiriya Upanishad

Leben heißt Geben – Maria Wirth

Wie ein indisches Rentnerpaar vielen Menschen neue Perspektiven gab

Es ist selten und beispielhaft: Ein Ehepaar, das sich eigentlich nach einem hektischen Arbeitsleben in Bombay in einem Dorf am Fuß des Himalaya zur Ruhe setzen wollte, arbeitet von früh bis spät, um die Chancen der Jugendlichen in der Umgebung und die Lebensbedingungen der Einheimischen allgemein zu verbessern. Rund 300 Familien profitieren bislang von dem Zuzug des Ehepaares in das Dorf am Ende der Straße, dort, wo die Berge aufsteigen, nur gut 15 km von Dehradun entfernt.

Wie es dazu kam
G.K. Swamy und seine Frau Chinni lebten 40 Jahre in Mumbai. Swamy arbeitete als Unternehmensberater, und mit Anfang 60 – das war 1998 – beschloss er, sich zur Ruhe zu setzen. Das Ehepaar verkaufte seine Stadtwohnung und baute ein Haus im Dorf Purkal am Fuße des Himalayas, in einer wunderschönen Gegend. Die zwei lernten Yoga, und ihre Gesundheit blühte auf – und damit auch ihr Tatendrang. Swamy sah, dass im Dorf seiner Wahl viel im Argen lag. Viele Familien konnten sich nur eine Mahlzeit am Tag leisten. Es gab keine Toiletten in den einfachen Häusern. Die Frauen hatten keine Möglichkeit, zum mageren Gehalt ihrer Männer etwas dazuzuverdienen. Es gab aufgeweckte, intelligente Kinder in der Dorfschule, doch sie hatten wenig Aussicht, sich ihre Zukunftsträume zu erfüllen. „Für meine beiden Söhne war es selbstverständlich, dass sie ihren Berufswunsch umsetzen konnten. Warum sollten diese begabten Kinder aus dem Dorf benachteiligt sein?“, fragte sich Swamy. Er wollte schon lange seinem Leben einen Sinn geben, Gottvertrauen entwickeln und zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Es bot sich an, die Bedingungen in seinem Umfeld verbessern zu helfen. Und systematisch, wie er ist, identifizierte er zwei Bereiche, an denen er ansetzen wollte: eine gute Ausbildung für aufgeweckte, lernwillige Kinder, und ein Einkommen für arbeitswillige Frauen.

Das Schulprojekt
Die Swamys gaben vier Schülern in ihrem Haus Englisch- und Mathe-Nachhilfe, doch sie wussten, dass das nicht ausreicht. Die Schüler brauchten Stipendien für weiterführende Schulen in Dehradun und auf lange Sicht eine Schule in ihrer Gegend. Also aktivierte Swamy sein Netz von Freunden und Bekannten, erklärte ihnen sein Vorhaben und bat um finanzielle und sonstige Unterstützung für das Projekt, an dessen „Not-wendigkeit“ im wahrsten Sinn des Wortes er keinen Zweifel hatte. Eine Gesellschaft, die steuerfreie Spendengelder annehmen darf, die „Purkal Youth Development Society“ (PYDS),  wurde 2001 gegründet. Swamy konnte nun seine Vision, die Chancen der Jugendlichen in seinem Dorf und den umliegenden Dörfern substanziell zu verbessern, in größerem Umfang verfolgen. Sein Engagement brachte in wenigen Jahren sichtbaren Erfolg. Seit Bestehen von PYDS ist die Zahl der Schüler von ursprünglich vier auf 190 angewachsen. Anfangs lag der Schwerpunkt auf Stipendien und Nachhilfe für diese Schüler. Sie erhielten ein Stipendium für eine der Schulen in Dehradun und kamen am Nachmittag zurück nach Purkal zum Mittagessen und zur Nachhilfe. Dieses Programm läuft weiterhin mit 65 Schülern der 9. bis 12. Klassen. Doch die langen Fahrten zur Schule und zurück brauchen Zeit und Energie, und Swamy baute daher in Purkal selber Klasse für Klasse eine Schule auf. Inzwischen werden in Purkal auf einem eigenen Campus am steilen Berghang 126 Schüler der Klassen 3 bis 8 mit staatlicher Genehmigung unterrichtet, und die stetig gewachsene Schule soll auf alle Klassen erweitert werden.

Das Projekt für Frauen
Yuva-Shakti ist jedoch nur ein Zweig von PYDS. Zwei Jahre nach Gründung von PYDS gesellte sich Stree-Shakti („Frauen-Power“, nach unserer Umschrift „Stri-Shak­ti“) zu Yuva-Shakti. „Frauen kümmern sich besser um ihre Familien als Männer, die oft ihren Tageslohn vertrinken“, meint Swamy und hilft Frauen in den Dörfern dabei, etwas zu dem kleinen Einkommen ihrer Männer dazuzuverdienen. Es fing klein an: Eine Frau aus der Nachbarschaft bat Chinni um Arbeit. „Was kannst du?“ fragte Chinni. „Nähen“, antwortete sie. Chinni besorgte eine Nähmaschine und zeigte ihr, wie man eine Steppdecke mit Patchwork näht. Die erste Decke ging an ihren älteren Sohn, die zweite an ihren jüngeren Sohn, die dritte an Freunde in Delhi. Gerade, als sie sich fragte, wie sie die Frau weiterbeschäftigen konnte, kamen bewundernde Reaktionen von Leuten aus Delhi über die „fantastische Decke“, von deren Art sie viele mehr wollten. Die Qualität war absolute Spitze. Also wurde die Produktion ausgebaut, und es mangelte nicht an Frauen, die an Chinnis Tür um Arbeit baten. Chinni hat Kunst studiert und ist ein wahres Genie in vielen Bereichen. Sie macht die Designs und lehrt und berät die Frauen beim Nähen, und Swamy kümmert sich um den Vertrieb. Vom Erlös wird den Frauen ein Gehalt bezahlt und Material für weitere Decken eingekauft. Wenn am Ende des Jahres ein Überschuss besteht, wird er an die Frauen verteilt. PYDS baute einen Raum zum Arbeiten und zur Lagerung der Stoffe sowie einen Laden auf dem Schulgelände und eine Krippe für die Kleinkinder der Frauen. Inzwischen sind 75 Frauen beschäftigt, und die Überdecken und sonstigen Artikel, wie Taschen oder Kissen, finden großen Anklang in Indien und Übersee und sind auch im Internet zu bewundern und zu bestellen.

Etwas Positives bewirken

Chinni ist leidenschaftliche Gärtnerin und hat ein Prachtexemplar von Garten um ihr Haus in Purkal im Schatten der Berge geschaffen, wo sie frühmorgens ein paar Stunden werkelt. Sie hat jedoch kaum Zeit, diesen Garten zu genießen. Sie arbeitet mit den Frauen den ganzen Tag, ohne einen Lohn zu beziehen. Würde sie nicht lieber mehr Zeit für sich haben? Immerhin ist ihr Mann, der seinen Tatendrang offenbar von seinem Großvater geerbt hat, der treibende Faktor hinter ihrem arbeitsintensiven Ruhestand. Dieser Großvater, Chirurg von Beruf, wurde über 80 Jahre alt und hatte selbst am Morgen seines Todestags noch einen Patienten operiert. Chinni antwortet ohne zu zögern: „Ich tue gerne, was ich tue. Es freut mich und bringt Genugtuung, dass wir im Leben der Menschen um uns herum etwas Positives bewirken können.“ Leben heißt geben, ist das Motto der Swamys. Vielleicht könnte man hinzufügen: Sinnvolles Leben heißt geben. Doch so groß das Gottvertrauen von Swamy auch ist – und er betont immer wieder, dass sich Gott garantiert um die Finanzen kümmert, wenn man nur sein Bestes gibt –, schleichen sich doch Sorgen bei ihm ein. „Ich habe so viele Schüler angenommen. Sie und ihre Eltern vertrauen mir, und ich bin verantwortlich für jeden einzelnen, doch finanziell lebt PYDS von der Hand in den Mund. Wir müssen jeden Monat die laufenden Kosten von rund 10.000 Euro aufbringen“, bedauert er. „Vielleicht finden ja Menschen im deutschsprachigen Raum unsere Arbeit unterstützenswert. Sie können uns hier am Fuß des Himalayas besuchen und sich anschauen, was wir tun“, schlägt er vor und fragt: „Was ist Leben, wenn man nur an sich selber denkt? Ist es im Endeffekt erfüllend?“ Eine gute Frage.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: