Freitag, November 16"Satyam Vada, Dharmam Chara" - Taittiriya Upanishad

Offener Brief an Papst Franziskus -Von Maria Wirth

Papst Franziskus erhält im Westen viel Lob für seine liberalen Aussagen. Doch bisher bleibt es nur bei Aussagen und von einer Umsetzung seiner Worte in die Praxis ist bisher noch nichts zu merken – zumindest nicht in Indien. Massive Konvertierung vor allem unter den armen Hindus mit Hilfe materieller Anreize, und die vielen Kirchen, die überall aus dem Boden schießen, zeigen, dass der Papst es anscheinend nicht ernst meint, wenn er von einer „respektvollen Koexistenz von Vielfalt“ spricht. Diese Situation inspirierte mich zu dem folgenden offenen Brief an Papst Franziskus.

Offener Brief an Papst Franziskus

Verehrter Heiliger Vater,

In Ihr Pontifikat wird große Hoffnung  auf eine positive Veränderung gesetzt, und einige Ihrer Äußerungen der letzten Zeit lassen vermuten, dass diese Hoffnung gerechtfertigt ist. Die Zukunft, sagte Ihre Heiligkeit im November 2013, liegt in der respektvollen Koexistenz von Vielfalt und in dem grundlegenden Recht für religiöse Freiheit in allen ihren Dimensionen, und nicht darin,  die verschiedenen Stimmen der Religionen zum Schweigen zu bringen.

Diese Äußerung  ist zweifellos sinnvoll und muss von allen, die derzeit die Koexistenz von Vielfalt nicht respektieren umgesetzt werden. Ich vermute jedoch (und das mag falsch sein), dass es eher ein Appell an andere Religionen ist, das Christentum zu respektieren, als ein Gelöbnis der Kirche, andere Religionen zu respektieren. Deutlicher gesagt, da Christen in islamischen Ländern gelegentlich verfolgt werden, scheint es ein Appell zum „leben und leben lassen“ zwischen den zwei größten Religion der Welt zu sein.

Ihre Heiligkeit weiß, dass sowohl das Christentum, wie auch der Islam behaupten, die einzig wahre Religion zu sein und dass ihr Gott, beziehungsweise Allah allein wahr ist. Beide Religionen behaupten weiterhin, dass alle Menschen das akzeptieren und sich ihrer Religion anschließen müssen, um gerettet zu werden und in den Himmel, bzw. ins Paradies zu kommen. Beide warnen all jene, die sich nicht anschließen:  sie landen auf ewig in der Hölle. Diese Ausschließlichkeitsansprüche werden ohne jeglichen Beweis gemacht, abgesehen davon, dass sich diese Ansprüche widersprechen, da beide nicht gleichzeitig wahr sein können. Sie verlangen blinden Glauben, und da blinder, unverständlicher Glaube  nicht natürlich ist, wurde er über viele Jahrhunderte mit Staatsgewalt  erzwungen und von Kindheit an indoktriniert mit der Furcht vor der Hölle als Angstmacher.

Darf ich Ihre Heiligkeit bitten, darüber nachzudenken, wie eine respektvolle Koexistenz von Vielfalt und das grundlegende Recht auf Religionsfreiheit möglich sind, solange diese Ausschließlichkeitsansprüche in Kraft sind? Zielten diese Ansprüche ursprünglich darauf ab, weltliche Macht zu gewinnen oder waren sie zum spirituellen Wohl der Menschheit gedacht? Und darf ich Ihre Heiligkeit auch fragen, ob Sie persönlich an diese Ansprüche glauben?

Ich vermute, dass Ihre Heiligkeit nicht daran glaubt, da vor einiger Zeit in den Medien über Ihre Behauptung berichtet wurde, dass Atheisten auch erlöst werden können. Anders ausgedrückt: sie gehen nicht automatisch in die Hölle. Der Vatikan  gab sich danach allerdings Mühe zu erklären, warum Ihre Heiligkeit das nicht so gemeint hat. Selbst meine Mutter, 95 und ihr ganzes Leben lange eine treue Katholikin, war enttäuscht, dass der Vatikan dem Papst widersprach.

Ihre Heiligkeit mag sich aus weltlichen Gründen gezwungen fühlen, an dem Ausschließlichkeitsanspruch festzuhalten, da die Kirche sonst alle Bekehrungsversuche einstellen müsste, und dabei Macht, Einfluss und Wohlstand verlieren würde. Außerdem würden andere Kirchen eventuell nicht mitmachen und so einen Vorteil über die katholische Kirche erlangen. Eine weitere Sorge mag sein, dass der Islam an seinem Ausschließlichkeitsanspruch festhält und aggressiv Bekehrungsversuche unternimmt.

Die katholische Kirche war allerdings die erste Institution, die diesen unbegründeten Ausschließlichkeitsanspruch aufstellte und dadurch maßloses Unheil über die Menschheit brachte. Die Kirche nahm sich von daher nicht nur das Recht, sondern behauptete sogar, es wäre ihre Pflicht, über den Erdball zu stürmen und oft mit brutaler Gewalt ihr Glaubenssystem aufzuzwingen – in Europa, Amerika, Afrika und jetzt in Asien. Es war zweifellos geschickt zu behaupten, dass Gott will, dass jeder Christ wird. Mark Twain sagte den berühmten Spruch: Religion wurde geboren, als der erste Betrüger den ersten Dummkopf traf. Ich würde es etwas abwandeln: dogmatische Religion wurde geboren, als….

Einige Jahrhunderte später behauptete der Islam ebenfalls, dass Allah will, dass jeder den Islam akzeptiert, und wir alle kennen die zerstörerischen Konflikte die aus diesen unbegründeten Ausschließlichkeitsansprüchen resultierten. Da die katholische Kirche damit anfing, muss sie ihren Anspruch auch als erste rückgängig machen. Das Wohl der ganzen Menschheit muss im Mittelpunkt stehen und nicht das Wohl einer Institution. Ich hoffe, dass Ihre Heiligkeit den Mut zu diesem Schritt aufbringt, und sich nicht  in haarspalterische, theologische Argumente flüchtet, wie zum Beispiel, dass Erlösung möglich ist, aber nicht die Seligkeit, usw…

Die meisten Christen, besonders in Europa, glauben nicht mehr an unverständliche Behauptungen. Leider verwerfen sie mit den Dogmen auch den Glauben an Gott an sich. Sie haben es nicht gelernt, auf ihr Gewissen zu hören und über die Wahrheit nachzudenken, da sich die Kirche zu lang als Gewissens- und Wahrheitshüter aufgespielt hat. Welche Folgen das für unsere Gesellschaften hat, kann jeder, der offene Augen hat, sehen.

Viele Christen fangen jedoch an, nachzudenken und glauben an eine höhere Macht, aber nicht mehr an den christlichen Gott. Als ich zum Beispiel einmal in Deutschland rund 50 Christen fragte, ob sie glauben, dass Hindus, die von Jesus gehört, aber nicht zum Christentum konvertiert sind, auf ewig in die Hölle kommen, sagte keiner ja. Selbst ein Priester sagte nein. Und kein einziger Deutscher, den ich traf, war für das Missionieren. Doch Papst John Paul II tat in Indien seine Absicht kund, im derzeitigen Jahrtausend, das Kreuz in Asien zu pflanzen und erwartete in Indien eine reiche Ernte, was zweifellos nicht mit respektvoller Koexistenz zu vereinbaren ist.

Ich lebe seit 33 Jahren in Indien und kann Ihrer Heiligkeit mit Nachdruck versichern, dass Indien keine christlichen Missionare braucht, und doch werden Unmengen von Geld nach Indien gepumpt um mit finanziellen Vorteilen Hindus zum Übertritt zu bewegen und um Kirchen zu bauen. Ich bin mir bewusst, dass Ihre Heiligkeit nur für Katholiken zuständig ist und nicht für die unzähligen anderen christlichen Sekten, die es auf arme Hindus abgesehen haben. Aber wenn die katholische Kirche Hindus ehrlich respektieren würde, wäre das ein wichtiger Schritt.

Eventuell haben Sie, heiliger Vater, den Eindruck, dass Hinduismus eine minderwertige Religion sei, und Hindus gut beraten wären, den christlichen Gott statt ihrer vielen Götter anzuerkennen. Solch ein Eindruck wäre völlig falsch. Es gibt keine andere Religion, die –ungerechterweise- so schlecht gemacht wird, wie der Hinduismus. Leider sind christliche (darunter auch katholische) Missionare in der vordersten Front dieser Kampagne. Nur wenige Menschen im Westen wissen, wie tiefgründig Indiens alte Tradition ist. Lange bevor Religionen, wie wir sie heute kennen, entstanden, war in Indien bereits eine solide, philosophische Basis für unsere Existenz bekannt und hilfreiche Tipps für ein sinnvolles, erfüllendes Leben. Die einzige Neuerung, die das Christentum einbrachte, sind unverifizierbare Dogmen, die auf die absolute Wahrheit keinen Einfluss haben können. Wäre es möglich, dass ein geschichtliches Ereignis sich auf die absolute Wahrheit auswirkt? Würde die Wahrheit zwischen getauften und ungetauften Menschen unterscheiden? „Die Kirche allein kann selig machen“ ist, mit Verlaub gesagt, lächerlich.

Die indischen Weisen hatten vor Jahrtausenden bereits erkannt, dass eine All-Gegenwart die Grundlage dieses Universums ist, unbeschreibbar, aber am Besten als absolutes Bewusstsein beschrieben. Sie hatten auch das Gesetz des Karmas lange vor dem biblischen „Wie man sät, so erntet man“ erkannt. Ein Konzil verbot den Christen an Wiedergeburt zu glauben, und viele Fragen, zum Beispiel, warum es bereits bei der Geburt soviel Ungerechtigkeit gibt, bleiben dadurch ungelöst. Der Vorteil, eine vollkommene Persönlichkeit als Freund und Helfer auf dem spirituellen Weg zu haben, war in Indien bekannt, aber bis vor rund 2000 Jahren behauptete niemand, dass ‚nur’ Krishna oder ‚nur’ Ram oder ‚nur’ Buddha zur Erleuchtung führen kann, und dass derjenige, der das nicht glaubt, in der Hölle landet. „Die Wahrheit ist eins, die Weisen haben viele Namen dafür“, hatten die Weisen erklärt und verschiedene Götternamen aufgelistet. Das war zu einer Zeit, als das Christentum noch nirgendwo in Sicht war. Sie hätten sicher ‚Gott’ als einen weiteren Namen hinzugefügt und ‚Jesus’ als göttliche Inkarnation ohne zu vermuten, dass die Anhänger Gottes ihnen in den Rücken fallen und behaupten würden: „Wahrheit ist eins und hat nur einen Namen und ist vollständig enthüllt nur in einem Buch“.

Die vielen Hindu Götter sind personifizierte Kräfte, die helfen, mit der form- und namenlosen Essenz in uns in Verbindung zu treten. Christen in Indien wird gesagt, dass Hindu Götter Teufel sind. Andererseits versucht das Christentum (möglicherweise vom Hinduismus inspiriert), den Glauben an Engel wiederzubeleben, da es leichter ist, Liebe für das Unsichtbare zu entwickeln, wenn man auf eine Form zurückgreift.

Der Hinduismus ist kein Glaubenssystem. Er basiert auf Wissen. Er forscht ehrlich danach, was wahr in uns und in dieser Welt ist. Hindus müssen nichts glauben, was keinen Sinn ergibt und niemals verifiziert werden kann. Sie sind frei. Es stimmt, die meisten Hindus glauben an Wiedergeburt, was Sinn hat. Die meisten glauben an einen allgegenwärtigen Brahman (andere Namen werden benutzt), das auch im Menschen ist. Die meisten glauben, dass diese göttliche Essenz in einem selber realisiert werden kann, wenn sich der Mensch durch bestimmte Disziplinen und durch Liebe reinigt. Dieser Glaube ist verifizierbar. Er ist nicht blind. Es gab viele Weise, die ihre Einheit mit dem Höchsten Brahman realisiert hatten. Im Christentum gab es auch Mystiker, die diese Einheit erfuhren, wie zum Beispiel Meister Eckhart. Bedauerlicherweise wurde er aus der Kirche ausgeschlossen. Warum wehrt sich die Kirche gegen die wissenschaftliche Einsicht, dass eine mysteriöse Essenz in allem ist? Und  warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass es in der langen, langen Menschheitsgeschichte mehrere hervorragende Persönlichkeiten gab, die ihren Anhänger den Weg zur Erfüllung zeigten, und nicht nur eine einzige?

Heiliger Vater, ich bitte Sie, eine solch hervorragende Persönlichkeit zu werden, die seine Schützlinge auf einen Weg der Expansion führt und sie nicht in ein enges, unglaubwürdiges Glaubenssystem presst, das u.a. verlangt, Hindus zum eigenen Glauben zu bekehren. Ihre Heiligkeit wird von über einer Milliarde Katholiken als Stellvertreter Gottes auf Erden verehrt. Viele ihrer Vorgänger waren dieser Verehrung nicht würdig. Absolute Ehrlichkeit und Integrität sind verlangt. Weltliche Macht darf einen Papst nicht locken. Die katholische Kirche würde mit Sicherheit davon profitieren und nicht darunter leiden, wenn sie die Wahrheit ehren und Ihr Monopol auf alleinige Seligmachung aufgeben würde. Die Wahrheit kann nicht belogen werden. Sie passt auch nicht in ein Buch. Die Wahrheit ist das, was wir im Grunde sind. Hindus, deren Religion wirklich universell ist, respektieren unterschiedliche Traditionen. Sie sind eine der kultiviertesten und friedfertigsten Volksgruppen auf der Erde, die leben und leben lassen, außer sie werden massiv provoziert.

Heiliger Vater, wenn Sie es Ernst meinen und andere Religionen respektieren wollen, müssen Sie den Ausschließlichkeitsanspruch aufgeben und Hindus, die der Welt die tiefgründigste Philosophie und eine großartige Kultur geschenkt haben, Respekt zollen. Viele Menschen warten auf gute Nachrichten von der katholischen Kirche unter ihrer Führung. Das Hauptproblem, das die Kirche plagt, ist nicht, dass Frauen keine Priester werden oder Geschiedene nicht zur heiligen Kommunion gehen können. Das Hauptproblem ist der unbegründete Anspruch, allein selig machen zu können. Dieser Anspruch trennt die Menschheit in zwei Gruppen: in „uns“, die recht haben und gerettet werden und in die anderen, die falsch liegen und verdammt werden. Bitte geben Sie diesen schädlichen, unbegründeten Anspruch auf und machen Sie ihr Pontifikat wahrlich zu einem Segen für die ganze Menschheit.

Mit freundlichen Grüßen

Maria Wirth

Wurde am 10.12.2013 dem Papst Franziskus aus Puducherry, Indien, per Einschreiben zugesandt.

 

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